Tageslosung

Freitag, 19. Juli 2019
Mein Leben ist immer in Gefahr; aber dein Gesetz vergesse ich nicht.
Paulus schreibt: Ihr seid unserem Beispiel gefolgt und dem des Herrn, da ihr in großer Bedrängnis das Wort angenommen habt mit einer Freude, die aus dem heiligen Geist kommt.

Predigt zu Pred 7,15-18 am 17.02.2019 in Meerholz

Predigt zu Pred 7,15-18

Klicken Sie hier zum HÖREN der Predigt! (und bitte entschuldigen Sie die lauten Klopfer zwischendrin... wird nächstes mal besser!)

Heute habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Achten Sie darauf in der Predigt, doch zunächst hören Sie doch mal auf diese Stimme hier:

Du musst gut sein! Ach, was sage ich: Du musst eigentlich perfekt sein, sonst kannst du’s gleich lassen. Ok, vielleicht nicht perfekt, aber wenn du nicht weißt, was du tust, dann lass es lieber gleich…. Kennen Sie diese innere Stimme?

Oder die?: ich bin ja selber schuld, dass ich krank geworden bin, schließlich habe ich mich lange nicht an die Ratschläge meiner Ärztin gehalten und das Gläschen Wein jeden Abend, das hätte ich auch mal lieber lassen sollen…

Oder die: Was bist du eigentlich für ein Freund, dass du dich so lange nicht meldest bei den Menschen, die dir wichtig sind?

Oder die? Das mehrgängige Essen, das ich an Weihnachten gekocht habe, war ja eigentlich ganz gut, aber das Kartoffelpüree hatte etwas zu viel Salz. Warum nur mache ich immer alles falsch?

Oder die: Du müsstest dich besser ernähren, mehr schlafen, dich ehrenamtlich engagieren, dein Leben endlich mal in den Griff bekommen… Du musst besser werden…

Warum nur redet die innere Stimme so? Warum wollen immer alle gut sein, alles gut können, mit allem gut klarkommen, für alles immer eine gute Lösung parat haben? Ich glaube, weil viele denken, dass sie dann das Leben im Griff und unter Kontrolle haben. Man wird weniger angreifbar, keiner kann einem was nachsagen, weniger Krankheiten, weniger Leid… Und außerdem: Wenn ich nur alles gut genug mache, dann wird das Leben schon gelingen: Ausreichend Schlaf, Sport, Ernährung, Work live Balance, Brigittediät und die neueste Happy Meditation, den richtigen Youtubern zuschauen und die Beautytips der richtigen Influencer umsetzen und schon läuft’s auch in der Schule… achja, die richtigen Klamotten, die richtige Automarke und die richtigen Urlaubsziele habe ich noch vergessen. Ich glaube wirklich, dass viele Menschen denken, wenn sie sich nur entsprechend verhalten, ja manchmal auch nur die richtigen Produkte kaufen, wird alles gut. ----------- Wird es aber nicht!

Das liebe Gemeinde, ist die schlechte Nachricht für heute. Die Erfahrung zeigt: Wir haben das Leben auch dann nicht im Griff, wenn wir alles richtig machen. Auch wer alle Diät, Ernährungs- und Gesundheitstipps umsetzt, niemals Alkohol getrunken und geraucht hat, jedem Bettler was abgegeben und in der Kirchengemeinde ehrenamtlich mitgearbeitet hat kann leiden, plötzlich krank werden, einen schweren Schicksalsschlag abkriegen, plötzlich ins Nichts fallen, sterben… Nichts gibt mir, gibt uns die Garantie, dass das Leben in allen Belangen gelingt, ich vor allem gefeit bin, niemals zu leiden habe.

Wir würden gerne sicher sein und das „Gut sein“ gibt uns die Illusion, wir könnten uns schützen und wenn es nicht klappt waren wir eben noch nicht gut genug, müssen uns weiter verbessern, an uns arbeiten. Das zumindest gaukelt die Ratgeberliteratur, die Kilometer von Regalen in den Buchhandlungen füllen uns vor. Da ist Unordnung in deinem Haus oder in deinem Leben? Kein Problem: Hier ist das Rezept. Einfach nachmachen! Du bist unglücklich, kommst mit dem Liebeskummer nicht klar, versinkst im Alltag: Hier sind für jeden Finger Deiner Hand Bücher, die dir helfen.

Aber, das Leben ist nicht gerecht. Es ist auch nicht ungerecht. Es ist einfach wie es ist. Wunderschön, voller Glück und Gesundheit, voller Momente der Kraft und des Lichtes und gleichzeitig oder manchmal kurz hinter- oder nebeneinander, furchtbar schrecklich, ungerecht, schmerzhaft und grausam.

Aber wir hätten es gerne anders. Gut sein wollen ist eine Art von Kompensation, die uns helfen soll mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. Und na klar, wer aufhört zu rauchen erhöht seine Wahrscheinlichkeit auf Gesundheit, wer keine riskanten Abfahrten in Skigebieten unternimmt, wird wahrscheinlich in keiner Lawine umkommen… aber manches, äh vieles können wir einfach nicht kontrollieren und beeinflussen. Und trotzdem machen sich Menschen immer wieder Gedanken, wie sie in Schicksalsschlägen verwickelt sind, anstatt das Unvermeidliche anzunehmen und mit der Krankheit zu leben oder mit dem Verlust oder mit der riesigen Ungerechtigkeit und fragen sich die berühmteste Frage der Welt, die oft (fast immer!) ohne Antwort bleibt, jedenfalls innerhalb der Zeit: WARUM ICH?!

Ich glaube, das Phänomen ist nicht so neu, wie wir vielleicht manchmal denken…. Schon vor ca. 3000 Jahren haben Menschen gedacht, durch Weisheit, eine besondere Frömmigkeit und Gesetzlichkeit und Vernunft ihr Leben in den Griff zu bekommen. Das Buch der Weisheit des Predigers Kohelet räumt allerdings damit auf und stellt hochoffiziell im ersten Teil der Bibel fest, dass das Leben und vor allem Gott nicht zu fassen ist, geheimnisvoll bleibt. Alles hat seine Zeit… ist wohl der berühmteste Text aus diesem Buch der Bibel im dritten Kapitel. Der Predigttext für heute steht im siebten und ich hätte gerne, dass wir ihn uns in zwei Gruppen vorlesen:

Es gibt die Taufsteinseite und die Pultseite. Die Taufsteinseite beginnt mit dem Text aus der Lutherbibel und die Pultseite liest laut aus der Einheitsübersetzung, Predigt Kohelet 7,15-18

Taufsteinseite = T = Lutherbibel

Pultseite = P = Einheitsübersetzung

T:      Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens:

P:      In meinen Tagen voll Windhauch habe ich beides beobachtet: Es kommt vor, dass ein gesetzestreuer Mensch trotz seiner Gesetzestreue elend endet,

T:      Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.

P:      … und es kommt vor, dass einer, der sich nicht um das Gesetz kümmert, trotz seines bösen Tuns ein langes Leben hat.

T:      Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.

P:      Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen!

T:      Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.

P:      Warum solltest du dich selbst ruinieren? Entfern dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben?

T:      Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt;

P:      Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt. Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.

T:      denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Liebe Gemeinde,

die Frage und die Sehnsucht nach einer gerechten Weltordnung im Sinne unserer Gerechtigkeit – der gute wird belohnt, der schlechte Mensch bestraft – beantwortet schon dieser Autor der Bibel als negativ. Er empfiehlt einen goldenen Mittelweg was das „Gut sein“ und den Erwerb von Wissen angeht. Das alles kann nicht schaden, allerdings wenn es überhand nimmt, wenn zu viel vom richtigen Verhalten und vom richtigen Wissen erwartet wird, wenn daraus geschlossen wird, damit alle Widrigkeiten des Leben in den Griff zu bekommen, dann geht das nicht. Er empfiehlt als Richtschnur für das richtige Verhalten Gottesfurcht.

Ein altmodischer Begriff, der aber genau das besagt, dass ich die Fährnisse des Lebens manchmal bis oft nicht beeinflussen kann – Gott ist und bleibt an vielen Stellen geheimnisvoll und sein Wille auch – ich kann mich aber dazu stellen, wie ich will. Entweder darauf vertrauen, dass sich in allem, dem Guten und dem Bösen, dem Gerechten und dem nach menschlichen Maßstäben Ungerechten etwas von seiner Lebenskraft zeigen kann = Gottesfurcht ODER ich bleibe in dem Modus: Wenn Gott mir nicht gibt, was ich meiner Meinung nach durch mein Verhalten verdient habe, dann ist er für mich gestorben.

Gottesfurcht oder schöner ausgedrückt: Gottvertrauen steht gegen den Wahn alles selber machen und können zu wollen und das auch noch perfekt. Gottvertrauen kann sich als fester Halt erweisen in schweren Zeiten. JA, ich bin krank, ja ich bin verletzt, ja mir wurde unrecht getan, ja ich weiß nicht wie es weitergehen soll, ja ich bin sehr traurig über diesen Tod, aber ich halte mich dennoch an Gottes geheimnisvoller Gegenwart in all dem fest. Die Kraft Gottes in mir wird mit Sicherheit nicht jede Krankheit, jeden Schmerz, jede Trauer beseitigen, zumindest nicht jeden Grund dazu, aber die Kraft Gottes kann mich zu neuen Gedanken bringen, dass ich aufhöre auf mein vermeintliches Recht zu pochen und da Energie zu verlieren. Ich kann mich der Kraft des Lebens in allem Leben dennoch anvertrauen und vielleicht sogar gerade, wenn es hart auf hart kommt.

Dann kann ich immer noch anprangern was Unrecht ist, kann trauern über das was traurig ist, kann schimpfen und leiden unter dem, was zu erdulden ist, aber ich habe dann eine Kraft an meiner Seite, die mich da drin hält, die mir hilft anzunehmen, was nicht oder nicht mehr zu vermeiden ist. Gottvertrauen kann mich dazu bringen, dass ich dem Leben wieder traue, auch wenn es nicht rund läuft, auch wenn ich vielleicht nicht die Gesundheit bekommen kann, die ich gerne hätte. Gottvertrauen kann mich mit der Dankbarkeit in Verbindung bringen, die auf das schaut, was da ist, den Blick weitet und wendet von dem, was mich oft niederdrückt. Ja da ist Leid, kann ich dann sagen, aber mein Leben liegt trotzdem in Gottes Hand bzw. da ist trotzdem noch so viel zum Danken.

Ich weiß schon, liebe Gemeinde, das ist manchmal in schweren Lebenszeiten viel leichter gesagt als getan und darum ist es ja auch gut, sich dies immer wieder mal sagen zu lassen, sich erinnern zu lassen, dass Gott trotz widriger Umstände doch da ist, dass wir oft nicht sofort mit irgendwas bestraft werden, wenn wir einen kleinen Fehler machen, dass Gottes Gerechtigkeit die Liebe ist, die er großzügig, ja verschwenderisch verteilt, wie man am Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg sieht. Das hatte schon Martin Luther als die Befreiung schlechthin angesehen, die Befreiung vom Wahn, durch Werke der Gerechtigkeit, durch übermäßiges Fasten und Beten, durch unglaubliche Anstrengung Gott gnädig stimmen zu müssen. Gott tickt anders als Menschen, die man durch Wohlverhalten zur Gnade bewegen kann. Gott schenkt sich uns, mir in unter und trotz aller Umstände.

Das ist die gute Botschaft für heute. Wer Gott fürchtet wird sich auf jeden Fall richtig verhalten. Die Verbindung zur Kraft des Lebens, gibt uns die Kraft zu einem guten Leben und zur Gelassenheit in allem Perfektionsstreben und zum Aufstehen nach schweren Zeiten. Amen.