Tageslosung

Dienstag, 06. Dezember 2022
Man soll nicht mehr von Frevel hören in deinem Lande noch von Schaden oder Verderben in deinen Grenzen, sondern deine Mauern sollen »Heil« und deine Tore »Lob« heißen.
Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Gottesdienst am 13.3.2022

Jetzt hilft nur noch Beten?! (Als PDF hier klicken!(Als Audio-MP3 hier klicken!)

Predigt zu Mt 26,36-46

Liebe Gemeinde, jetzt hilft nur noch Beten! Wie oft habe ich diesen Satz seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine gedacht? Jedes Mal wenn wieder neue schockierende Bilder gezeigt werden, von Menschen, die um Ihr Leben flüchten und kämpfen. Von tapferen Ukrainern, die auch für die Freiheit und Demokratie auf der ganzen Welt eintreten. Von den bis jetzt scheinbar erfolglosen Versuchen der Diplomatie Putin-Russland zum Einlenken und zum Frieden zu bewegen. Immer wenn Hilflosigkeit und Ohnmacht überhand zu nehmen scheint, kommt dieser Spruch: Jetzt hilft nur noch Beten! Also auch bei persönlichen Krisen und Krankheiten, Schwierigkeiten, Stoppunkten, an den es scheinbar nicht weitergeht. Jetzt hilft nur noch beten!

Aber stimmt das eigentlich?

Das ist ein riesiges Thema, über das man wahrscheinlich eher mal ganze Bücher schreiben und Vorlesungen halten könnte. Aber meine Antwort ist: Ja, denn Beten hilft wirklich. Und: Nein, nur noch beten, das ist zu wenig. Dieser Spruch würde Menschen in ihrer Ohnmacht festschreiben und vom eigenen Handeln abhalten. Beten ohne Handeln führt nicht G*ttes Willen aus, und Handeln ohne Beten ist ohne G*ttes Kraft. Beides ist also wichtig. Aber von vorne.

Was also bringt Beten?

Im Predigttext, den ich zum Selberlesen empfehle: Mt 26,36-46, wird die Geschichte von Jesus im Garten Getsemani erzählt. Jesus geht mit seinen Leuten in den Garten zum Beten. Er hat große Angst, vor dem Tod und ist verzweifelt. Er bittet die Jünger mit ihm wach zu bleiben und zu beten, während er selbst allein noch ein Stückchen weiter in den Garten geht. Dort betet er darum, dass sein Schicksal ein anderes sein möge und fügt sich gleichzeitig dem Willen G*ttes. »Mein Vater, wenn es nicht anders möglich ist, dann trinke ich diesen Becher. Es soll geschehen, was du willst.«

Die Jünger schlafen währenddessen ein. Schaffen es nicht, sich dieser Wirklichkeit der Todesangst zu stellen und mit Jesus auszuhalten und zu beten.

Also was bringt Jesus das Beten?

Was bringt Beten überhaupt?

Wird es Putin zur Besinnung bringen?

Wird es den Menschen auf der Flucht aus der Ukraine und überall auf der Welt helfen?

Was bringt Dir und Mir das Beten in einer schweren Situation?

Jesus hilft das Beten, sich aktiv für seinen Weg ans Kreuz zu entscheiden. Es hilft ihm dabei, einzuwilligen in seinen Weg der Liebe bis zuletzt. Es hilft ihm dabei, immer wieder aus G*tt seine Kraft für sein Leben und seine Aufgaben zu beziehen, sich immer wieder mit G*tt, mit der Kraft des Lebens in allem Leben, den er seinen lieben Vater nennt zu verbinden. Es hilft ihm, sich immer wieder daran zu erinnern, dass G*tt ein G*tt des Lebens und der Liebe ist.

Das Beten hilft ihm NICHT an seinem Weg und seiner Aufgabe, an seinem persönlichen Leid und am Tod vorbei. Es führt diejenigen, die ihn töten wollen, weil sie in ihm eine Gefahr der öffentlichen und religiösen Ordnung sehen, nicht zur Einsicht, damit sie von ihrem Plan ablassen. Es hilft nicht dabei, G*tt umzustimmen, wenn man es denn überhaupt so ausdrücken kann. Nicht G*tt wird durch das Beten gestimmt, sondern Jesus. Jesus kann nach dem Gebet in den Willen G*ttes einstimmen, ihm für sich und sein Leben zustimmen, obwohl ihm seine Angst sagt, dass er sich das alles anders vorstellt.

Macht das Gebet Jesus passiv? Will uns die Einstimmung in ein Schicksal zum stummen Ertragen von Krankheiten und schlimmen Zeiten führen? Nein, ganz im Gegenteil: Für Jesus vollzieht sich im Gebet der Wandel, vom passiven Erleiden zum aktiven Handeln und bewussten Entscheiden.

Und das ist es, was ich meine mit: Beten alleine hilft nicht, bzw. zum Beten muss das Einstimmen und das Handeln kommen. Beten allein wird keine sexualisierte Gewalt, die in den Kirchen vorgekommen sind und wahrscheinlich immer noch viel zu oft vorkommen, wieder gut machen. Dazu gehört ein Wandel der Herzen, die ernstgemeinte Bitte um Vergebung, sichtbare Zeichen und Entschädigungen und ein ganz neues und anderes, menschwürdiges Verhalten. Zu diesem Verhalten, das seine Ziele und die Kraft aus G*ttes Liebe bezieht, kann das Beten den Geschädigten und Schädigern helfen, aber nur Beten reicht da nicht.

Beten alleine hat die Diktatur der DDR nicht überwunden, auch wenn es massiv dazu beigetragen hat. Beten hat die Menschen mit der Kraft verbunden, die ihnen geholfen hat, zusammen aufzustehen gegen das Regime. Aber ohne Aufstehen hätte es nicht geklappt. Gott handelt durch uns.

Beten alleine wird den Frieden in der Ukraine nicht bringen, aber Beten wird uns und alle Menschen mit der Kraft G*ttes zum Frieden verbinden, wird uns in aller Ohnmacht Mittel und Wege aufzeigen, gegen das Unrecht, das von Putins Russland ausgeht aufzubegehren. Es wird dabei helfen, zusammenzustehen, gegen jegliche Gewalt. Es wird dabei helfen, durch die schweren Zeiten zu kommen, die auch vor uns liegen. Es wird dabei helfen, die Herzen und die Häuser der Menschen für die Flüchtenden offen zu halten. Es wird dabei helfen, den Preis für unsere Werte von Freiheit, Demokratie, Menschenwürde und Mitmenschlichkeit zu bezahlen. Es wird dabei helfen, Menschen in Bewegung zu bringen, das jeweils Nötige zu tun.

Beten hilft, sich auf das Ziel hin, auf G*tt auszurichten.

Macht es also Sinn, gleich im Fürbittengebet zu beten: G*tt, bitte bring Putin zur Vernunft und führe seine Gedanken zum Frieden? Ja, das macht absolut Sinn, weil wir uns auf diese Weise unserer Wünsche und Ziele vergewissern und diese Ziele im Licht und im Raum der Liebe G*ttes aussprechen und uns darauf ausrichten und aus G*tt die Kraft beziehen diese Ziele dann auch umzusetzen. Es macht keinen Sinn, wenn wir denken, G*tt würde das ohne das Zutun der Menschen machen. G*tt benutzt uns, um die Welt zum Frieden zu verändern.

Genau dasselbe gilt für das Beten in schweren Lebenssituationen, in Krankheit, in Trauer, bei Schmerz und Verletzung. Es macht Sinn zu beten: G*tt, nimm das alles von mir. Hilf mir in meiner schweren Zeit, nicht weil ich dabei denke, dass G*tt mich wieder gesund macht, sondern weil es mich verbindet mit G*ttes Kraft und dem Leben selbst in mir und mir so die Kraft gibt, durch die schwere Zeit zu kommen, so oder so.

Das mag für viele jetzt krass klingen. Aber wenn ich denken würde, dass G*tt mir die Krankheit, die schwere Lebenslage, den Krieg einfach so mit einem Fingerschnippen wegnehmen kann, dann muss ich auch davon ausgehen, dass er mir all das auch bewusst geschickt hat. Und das glaube ich eben nicht. G*tt schickt kein Leid – weder um uns zur Besinnung zu bringen, noch um uns etwas zu erklären, noch um uns zu bestrafen. Darum wird er das Leid auch nicht beenden, sondern weiterhin mittragen, Kraft geben. Nur so bleibt G*tt ein G*tt der mitleidet, der mit den Menschen durch die Wüste geht, der mit und in Jesus ans Kreuz genagelt wird, der mitweint und schreit und aushält, was das Leben in dieser Welt so schwer macht. Und weil das so ist, weil G*tt ein Liebender des Lebens und jedes einzelnen Menschen ist, gibt er Menschen, gibt er uns im Gebet – also wenn wir uns mit ihm Verbinden – die Kraft, die wir brauchen, um für andere da zu sein, wenn sie Hilfe brauchen, um wieder aufzustehen, wenn wir am Boden sind, um Geflüchteten zu helfen, um Leid mitzutragen, um in Krankheit, Trauer und Schmerz den Blick auf das Leben nicht zu verlieren.

Beten ist Verbindung mit G*tt, ist Auftanken im Raum der Liebe G*ttes und führt nicht in passives Erdulden, sondern in aktives Leben und Verändern und Engagement für das Leben.

»Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Seht: Die Stunde ist da! Jetzt wird der Menschensohn in die Hände der Sünder ausgeliefert. Steht auf, wir wollen gehen. Seht: Der mich verrät, ist schon da!« sagt Jesus nach seinem einsamen Gebet in Getsemani. Ihn hat das Gebet wach gemacht, die Augen geöffnet und befähigt aktiv und einverstanden seinen Weg der Liebe zu gehen. Beten darf nicht einschläfern, sondern macht wach.

Jetzt hilft nur noch Beten… Ja, Beten hilft. Und nein, „nur noch“ würde die Kräfte des Lebens in uns lähmen. Richtiger muss es lauten. Jetzt hilft Beten und Tun. Oder: Besonders jetzt hilft Beten zum Tun.

Bei allem Beten und Handeln begleitet Dich und uns alle, der Friede G*TTES, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahrt unseren innersten Wesenskern, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.