Tageslosung

Freitag, 14. Mai 2021
Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.
Halleluja! Denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat seine Herrschaft angetreten! Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben.

Predigt am Buß- und Bettag 2014

Predigt zum Buß- und Bettag 2014
Friede sei mit euch. Von dem der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,
manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn,
manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn,
manchmal ist man wie von Fernweh krank,
manchmal sitzt man still auf einer Bank.
Manchmal greift man nach der ganzen Welt,
manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt,
manchmal nimmt man, wo man lieber gibt,
manchmal hasst man das, was man so liebt.

Dieses Lebensgefühl, das hier die Gruppe Karat besingt, das kennen bestimmt einige von Ihnen. Es ist das Gefühl, mit dem Leben in eine Sackgasse geraten zu sein. Nichts gelingt mehr. Man ist am Ende mit den Kräften, mit der Geduld, mit der Hoffnung darauf, dass sich noch etwas ändern wird. Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn.


Und mitten hinein in dieses Gefühl, dass alles verfahren und aussichtslos ist, hören wir heute am Buß- und Bettag die optimistische Zusage: "Da kommt noch was!" Das ist noch lange nicht das Ende. Da kommt noch was! Da kommt noch was auf uns zu. Am Ende wartet Gott auf uns und hält die Tür auf in ein neues Leben.

Das wird heute allen zugesagt, die sich verrannt haben in ihrem Leben, die glauben in Sackgassen gefangen zu sein. Das wird heute allen gesagt, die keinen Ausweg wissen.

Ihm hier zum Beispiel:
Lange hat er mit dem Gefühl gelebt: Da kommt noch was! Die Schule hat er beendet gemacht mit dem Gefühl: Da kommt noch was, nämlich das Leben. Dann hat er die Ausbildung abgeschlossen mit dem Gedanken: Da kommt noch was. Mehr Geld, eine gute Stelle, Sicherheit, Unabhängigkeit. Dann die Hochzeit geplant in dem Gefühl: Da kommt noch was. Zweisamkeit, eine Familie, Kinder, ein Haus, gemeinsame Urlaube. Lange hat er von diesem Lebensgefühl gezehrt: Da kommt noch was, und wenn es nur der Urlaub war, auf den er sich von einem Sommer zum nächsten gefreut habe.
Immer ist er dem Leben hinterhergelaufen, mit dem Gedanken: Da kommt noch was, aber dann war es weg - auf einmal.
"Da. Sehen Sie hier die Narbe?", er zieht die Kappe vom Kopf. Hirntumor. Gerade noch rechtzeitig entdeckt, sagten die Ärzte, bevor er gestreut hat, der Krebs. Die Haare wachsen jetzt langsam wieder nach der Chemo, aber das Krankenhaus war schlimm. Da haben sie ihn zu einem ins Zimmer geschoben, der hat immer nur aus dem Fenster gestarrt. "Was guckst du denn die ganze Zeit?", fragte er. "Ich warte!" "Worauf denn?" "Auf den Tod!", antwortet der andere. "Na, da war ich fertig!"
Da kommt nichts mehr. Keine Zukunft mehr. Wie vor eine Wand. Wie in einer Sackgasse. Jahre gerannt.

Manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt.

Und jetzt. Was kommt da noch? Da kommt noch was! "Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben!", verspricht Gott.

Da kommt noch was!
Auch er hier hat das gehört und alles hat sich geändert - nicht nur für sein Leben. Keine Nacht konnte er schlafen. Hat er alles richtig gemacht? Hat er  auch nichts vergessen? Wie stehe ich da - vor ihm? Es dreht sich alles um ihn: Aus Angst vor dem Zorn, der ihn noch treffen wird. Bemüht hat er sich, aber das wird nicht reichen. Beten, fasten, beichten - der Mönch Martin Luther hat alles ausprobiert, was seine Zeit an Mitteln wusste, Gott zu gefallen: wallfahrten, arm und im Kloster leben, sich geißeln. Und immer bleibt das Gefühl: Gott wird am Ende scharf richten - und wer kann bestehen? Da kommt noch was - am Ende. Das dicke Ende kommt noch. Der Weg geht direkt in die Sackgasse!

Manchmal scheint man nur im Kreis zu gehn.

Aber dann hat er es selbst gehört: Ich will dir schenken, was du dir selbst nicht verdienen kannst. Da kommt noch was! "Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben!", verspricht Gott.

Da kommt noch was. Auch sie soll es heute hören.
Es war eigentlich von Anfang an nicht leicht, mit ihrer Tochter. Sie selbst war noch so jung als ihr Kind geboren wurde, und auch irgendwie überfordert. Hilfe hatte sie keine und getraut zu fragen, das hat sie sich auch nicht. "Ich schaff das schon!", dachte sie immer. Aber damit hat sie sich nur selbst belogen. Sie war oft genervt, angestrengt, überfordert, wurde laut. Und als ihre Tochter dann in die Pubertät kam, ja da war es dann völlig vorbei. Kaum ein normales Wort konnten wir noch miteinander wechseln. Wie oft gab es Streit, Anschuldigungen, Vorwürfe, Tränen. Schließlich ist ihre Tochter  gegangen und seit Jahren haben sie keinen Kontakt mehr. Keine hat den Mut zum ersten Schritt. Vergeben oder Verzeihen? Wie soll das möglich sein?

Manchmal hasst man das, was man so liebt.

Da kommt noch was! Dort wo du stehst, musst du nicht bleiben. "Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben", verspricht Gott.

Immer wieder geraten Menschen in Sackgassen, wenn ihr ganzer Lebensplan zusammenbricht, durch den Verlust eines geliebten Menschen, wenn eine Ehe zerbricht, der Arbeitsplatz plötzlich wegrationalisiert wird, oder auch durch eigenes Versagen und persönliche Schuld.

Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn,
manchmal scheint man nur im Kreis zu gehn,
manchmal ist man wie von Fernweh krank,
manchmal sitzt man still auf einer Bank.
Manchmal greift man nach der ganzen Welt,
manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt,
manchmal nimmt man, wo man lieber gibt,
manchmal hasst man das, was man so liebt.

Über sieben Brücken musst du gehn.
Sieben dunkle Jahre überstehn.
Siebenmal wirst du die Asche sein,
aber einmal auch der helle Schein.

Aber - da kommt noch was. Wobei: es ist nicht immer gleich erkennbar, worin Zukunft und Hoffnung liegen. Über sieben Brücken musst du gehn. Manchmal muss um Zukunft und Hoffnung, um Vergebung und einen Neuanfang auch gerungen werden. Mit Kraft, Mut und viel Geduld. Da wird noch was nachkommen.
Aber ist es immer nur der "helle Schein"? Da muss noch was nachkommen, das kann doch auch heißen: Das kann nicht einfach so weitergehen in unserer Gesellschaft, in dieser Welt. Das wird noch ein Donnerwetter geben! Nicht einer aus unserer Zeit redet so, obwohl es vielen aus den Herzen spricht, wenn sie unsere Welt ansehen.
Der Prophet Jesaja ist es. Er lässt uns einen zornigen Gott spüren. Sehr menschlich ist Gott in seinem heiligen Zorn: Er hat es so satt. Es ekelt ihn an, wenn er auf die Menschen schaut, die ihm nahe sein wollen. Er will sie nicht, ihre immer wieder neuen Versuche, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Er will ihnen nicht mehr zuhören, die Augen verschließen will er, so leid ist er es.
Predigttext Jes 1, 10-17
Da kommt noch was! Wie sieht die Welt hinter der Sackgasse aus? Der Prophet Jesaja beschreibt sie nicht. Was er beschreibt, ist die Sackgasse selbst.

So wie uns nicht das Verkehrsschild selbst überzeugt, sondern erst der Gang bis ans Ende der Sackgasse. Nein, da ist kein Durchkommen mehr. Bis hierher und nicht weiter, spricht Gott.

Aber nach der Erkenntnis kommt die Umkehr. Wir müssen nicht stehen bleiben in dieser Sackgasse von Schuld, Versagen und Ängsten - und uns sie vielleicht sogar noch schönreden, anderen aufbürden, um sie ertragen zu können.

Es gibt einen Weg heraus. Es gibt ein anderes Leben. Die Möglichkeit habt ihr!, sagt Gott. Aber: aus der Sackgasse heraus, in ein anderes Leben führt nur die Kehrtwende. Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!

Diese Wende macht den Weg frei in eine neue Zukunft mit Gott. Wir müssen nicht resignieren, nur das Ende oder die Sackgasse sehen. Da kommt noch was. Wir können das jetzt schon entdecken. Gott lässt uns schon hier und heute einen Blick hinter den Vorhang werfen und einen Blick erhaschen, wie es ist, wenn sein Reich kommt.

"Auf alles waren wir vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete", sagte einmal ein SED-Funktionär über die friedlichen Demonstrationen, die schließlich zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung unseres Landes führten. Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!

Der junge Mann kommt ins Zugabteil. Er zeigt mir einen Brief. Auf der Adresse steht: Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber. Ja, das ist der richtige Zug. Arabisch, sagt er und zeigt mit dem Finger auf sich. Er kann weder Deutsch noch Englisch. Syria, erklärt er. Eine Unterhaltung ist nicht möglich. Aber die Bilder sind zwischen uns: von zerstörten Städten und ausgebombten Häusern, von Kriegstoten und überfüllten Flüchtlingslagern. In der Zeitung stand, dass viele Deutsche helfen wollen und Wohnquartier anbieten, aber das geht nicht. Die Verwaltung käme nicht nach. Helfen ist schwierig geworden in dieser Welt, wo um Kontingente und Aufnahmequoten gestritten wird. Der junge Mann zeigt auf seinen Ringfinger und schüttelt den Kopf. Aha - er ist wohl nicht verheiratet. Seine Zukunft ist noch offen - aber immerhin: er hat eine. Da kommt noch was ! Er lächelt und ich lächle zurück.
Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache.

Sie waren die besten Freundinnen gewesen. Viele Jahre lang und dann kam dieser dumme Streit und von einem Tag auf den anderen haben sie kein Wort mehr miteinander gewechselt. Und jetzt sind ihre Kinder in derselben Kindergartengruppe und die besten Freunde. Und wollen sich besuchen! Auch das noch! Aber vielleicht ist es jetzt auch an der Zeit den Streit endlich zu begraben und sich wieder zu versöhnen - um der Kinder willen?
Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache.

Raus aus der Sackgasse. Gott wählt harte Worte in unserem Predigttext, aber er will damit zeigen, wie ernst es ihm ist. Gott will sein Volk aus der Sackgasse holen. Umkehren müssen sie dafür, sich umdrehen, in eine andere Richtung blicken, weg von sich selbst und dem ewigen Zwang, die Schuld immer bei anderen suchen zu müssen.
Gott will, dass wir erkennen: Die Wahrheit fängt bei mir selbst und mit mir an. Wir sollen den Blick frei bekommen für eine neue Perspektive, für Gottes Reich. Denn das hier ist noch nicht alles, da kommt noch was.

Auf das Schild mit der Sackgasse hat jemand mit Kreide die Straße weitergezeichnet. Jetzt sieht es aus wie ein Kreuz. Das Symbol mit dem wir Christen uns erinnern an den, der den Tod überwunden hat und in den Sackgassen des Lebens, den Weg zum Himmel öffnet.

Da kommt noch was - auch wenn ihr nur das Ende seht. Auch wenn ihr noch nicht wisst, wie es weitergeht, wie ihr helfen könnt, wie ihr richtig handelt, was es bedeutet, das Richtige zu tun, so sagt es uns Gott. Manchmal muss man wirklich über sieben Brücken gehen, um den hellen Schein sehen zu können. Man muss den Blickwinkel wechseln, um aus der Sackgasse herauszukommen. Aber es lohnt sich!

Den Blickwinkel wechseln, umkehren - nichts anderes ist Buße. Buße heißt, herauszutreten aus der Sackgasse oder auch dem kleinen Schrebergarten, den wir selbst gemacht und in dem wir uns eingerichtet haben. In den nicht jeder kommen darf und in dem wir es uns gutgehen lassen. Buße heißt, hinauszutreten zu den Menschen, die unsere Hilfe brauchen.

"Ich will euch Zukunft geben", stellt Gott in Aussicht. Und ich ahne, was er meint, wenn ich sie schon heute unter uns finde: in dem Fremden, der mir begegnet, in der Hand, die ich zur Versöhnung reiche, in jedem Versuch, einander Gutes zu tun, auch wenn wir nicht die ganze Welt ändern können. Es ist ein Lernen, jeden Tag neu. Immer wieder.
Da kommt noch was - da bin ich sicher! Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.
Kerstin Reinold